home architektur Aufgestockte Innenstadt
Architektur
Etwas in der Grazer Innenstadt zu verändern kam für die Architekten des Wilden Manns nicht in Frage. Der Dachaufbau in der Jakoministraße, der für Bürogebäude und Penthouse-Wohnungen geplant war, sollte sich dezent auf dem alten Gebäude einfügen. Um die alte Bausubstanz nicht zu gefährden wurde ein besonders leichter Baustoff gewählt – nämlich Holz.
Serie: Wilder Mann: ab nach oben
Ein altes Gebäude mit wechselhafter Geschichte in der Grazer Innenstadt wurde 2017 einer umfassenden Sanierung unterzogen. Das Fazit: Durch die Aufstockung mit einer Holzkonstruktion entstand ein Gebäude erster Klasse mit modernen Büro- und Wohnflächen im Stadtkern.

Für ihr Projekt "Wilder Mann" in Graz wurden die LOVE-Architekten mit dem Holzbaupreis Steiermark 2017 in der Kategorie "Urbane Wohnraumerweiterung" ausgezeichnet. Foto: KANIZAJ Marija-M.|2018

Dächer und Skulpturen
Das führte aber gleich zu einem anderen Problem: „Wir haben nicht gewusst, was wir finden, wenn wir das Dach runternehmen.“ Die Architekten hatten alles geplant, aber sie hatten keinen Einblick in das alte Gebäude darunter. Das entsprach ohnehin eher vier Gebäuden, aus vier unterschiedlichen Zeiten und vier unterschiedlichen Baukonzepten. Zusätzlich ragte die Konstruktion auf das Dach des Nebenhauses Jakoministraße 7 hinüber. Was man darunter fand? Jenewein meint: „Vermutung und Realität sind nicht immer gleich gewesen.“
Das Dach war weg – ein großer Schritt getan – und nun musste die neue Konstruktion auf dem alten Gebäude errichtet werden. Diese musste zwei Anforderungen entsprechen. Erstens musste die Konstruktion leicht genug sein, damit die Statik des bestehenden Altbaus nicht überlastet wurde. Zweitens mussten die Materialien, die in den drei neuen Stockwerken verbaut wurden, aber auch geometrisch und statisch anspruchsvolle Aufgaben erfüllen, die mit den Anforderungen des Architekten-Teams von LOVE mithalten konnten. Die haben nämlich nicht einfach nur drei Stockwerke auf das alte Gebäude setzen wollen, sondern schufen eine Dachskulptur. Um beides zu ermöglichen, entschied man sich für eine Kombination als Stahlträgern und CLT-Platten. Erstere sollten die Stabilität des Gebäudes gewährleisten. Zweitere ermöglichten ein geringes Gewicht. Knapp 800 m3 der Platten stecken nun insgesamt in der Konstruktion. Beinahe jede davon ist ein Unikat. Die Terassen in den oberen drei Stockwerken sind mit 600 m2 Terassendielen aus Lärchenholz belegt. Alles in allem bieten die neuen Stockwerke viel wohnlichen Charme und Wärme, die durch den vermehrten Einsatz von Holz zustandekommen. Neben diesen gefühlten Vorteilen und dem geringeren Gewicht hat der Baustoff für Mark Jenewein aber noch weitere Vorteile, die man bei diesem Bau ausnutzen musste: „Holz ist leicht zu transportieren und leicht vor Ort zu bearbeiten.“

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Foto: HBP Stmk/G.Ott

Transporthürden
Der Transport war neben der Planung und der Ungewissheit beim Aufbau die dritte große Krux beim Wilden Mann. Die einzige Zufahrt in den Hof befindet sich in der Jakominstraße, einer schmalen Straße im Herzen der Stadt mit einer Straßenbahnlinie und Oberleitungen. Die Straßenbahn fährt hier untertags etwa alle fünf Minuten. Abends immer noch mindestens jede Viertelstunde. Die Oberleitungen konnte man untertags also nicht abdrehen. Sämtliche Anlieferungen mussten deshalb nachts erfolgen. Irgendwann zwischen 1:00 Uhr und 4:30. Und wegen der geringen Größe des Innenhofs konnten auch immer nur genau jene Teile angeliefert werden, die man als nächstes brauchte. Passte ein Teil nicht, konnten die Arbeiter es nicht einfach schnell zurück ins Werk schicken. Durch die leichte Bearbeitbarkeit konnten sie aber wenigstens selbst die Säge auspacken und handanlegen.
Für Mark Jenewein hat sich der Aufwand aber jedenfalls rentiert. Zum einen, weil der Wilde Mann zu den Preisträgern des Holzbaupreis Steiermark gehört. Zum anderen aber auch, weil er dazu beitragen konnte ein „sehr urbanes Haus“ zu schaffen. Denn auch der gesellschaftliche Aspekte spielte bei der Planung des Wilden Manns eine Rolle. Es sollte kein Gebäude werden, das nur eine Gruppe von Menschen beherbergt. Deshalb finden sich nun im alten Teil des Hauses – in jenem also, der schon Hotel, Gasthaus und Boxring war – günstige, förderbare Wohnräume und Büros. Darüber gibt es normalpreisige Eigentumswohnungen und ganz oben überblicken mehrere Penthäuser die Stadt und ihre vielen roten Dächer.
Der wilde Mann schließt damit den Kreis und kehrt zurück zu dem, was er einst gewesen ist: ein gesellschaftlicher Mittelpunkt im Herzen von Graz. Und dabei gelingt es ihm auch noch, seine Geschichte bis heute weiterzutragen und trotzdem ein neues Bild in dem Teppich aus roten Dächern zu ergeben.(flb)

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Foto: HBP Stmk/G.Ott

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