Am Beispiel einer Holz-Lagerhalle in der Schweiz zeigt sich, wie weit fortgeschritten der Aufschwung des ökologischen Bauens ist.

Eine Lagerhalle mit architektonischem Anspruch. Foto: Andrea Diglas

Das Symbol des Fortschritts ist eine Lagerhalle. In einem Schweizer Dorf. Holzhochhäuser oder Holzbrücken in Wien oder Paris sind wichtige Leuchtturmprojekte. Sie zeigen der Welt, was mit Holz alles möglich ist. Doch ökologische Architektur kann nur zum großen Trend werden, wenn sie in die einfache Form übersetzbar ist. Zum Beispiel in eine Lagerhalle.Und sie muss sich außerhalb der Städte durchsetzen. Die Baurevolution entscheidet sich in der Provinz. Zum Beispiel in Hausen in der Schweiz.In der 3000-Einwohner-Gemeinde hat das Schweizer Architekturbüro Fischer Architekten für den Gartenbedarfshändler Hortima AG eine neue Lagerhalle mit Büro und Aufenthaltsraum entworfen. Das Besondere daran: Statt eines generischen Zweckbaus steht im Hausener Gewerbepark nun ein eigenständiges, identitätsstiftendes Gebäude, dessen Charakter ganz von Holz geprägt ist.

Hier zeigt sich, wie mehrheitsfähig der Baustoff ist.Das Bauprojekt befindet sich im westlichen Teil des Dorfs, angrenzend an den tief eingeschnittenen Autobahnzubringer und das auf gleicher Höhe liegende Bahntrassee. Mit ihren flach geneigten Satteldächern bilden die Gebäude im Gewerbepark eine Einheit. Die bestehenden Bauten des Auftraggebers sind Werk- und Lagerstätten, Unterkünfte und Büros, die ursprünglich als Scheunen in traditioneller Holzbauweise erstellt und später umfunktioniert wurden. Die neue Lagerhalle befindet sich gegenüber der bestehenden Halle und bildet mit den Nebenbauten eine Art Hofmitte. Wer dort steht, bekommt eine ästhetische Botschaft vermittelt.

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Foto: Andrea Diglas

Harmonie statt Stilbruch

Mit der Lagerhalle beweist das Büro von Fischer Architekten, dass moderne Holzarchitektur sich in ein funktionales Industriegebiet einfügen lässt. Sie verliert dort nicht an Kraft. Zugleich drängt sie sich nicht auf. Das Neue fügt sich nahtlos ins Alte ein. Diese Balance zu schaffen, war für das Architekturbüro die größte Herausforderung. „Die Aufgabe bestand in der Frage, wie mit dem materiellen und konstruktiven Bezug zu den vorhandenen, einst preiswert errichteten Gewerbebauten umzugehen sei. Die kontextuelle Verbindung sollte und konnte sich nicht auf eine rein formale Ebene beschränken, sondern wurde auf einer typologischen, konstruktiven und strukturellen Ebene gesucht“, heißt es aus dem Architekturbüro.

In der Umsetzung entschied sich das Projektteam für eine Holzkonstruktion in Leichtbauweise mit überhängenden Fassaden und leicht geneigtem Satteldach.Nach außen gekehrte Dreigelenkrahmen formen das Gebäude über die ganze Länge. Durch diese Schnittlösung wurde das Team von Fischer Architekten einer wichtigen Anforderung des Auftraggebers gerecht: Die Halle ist stützenfrei. Auf der gesamten Fläche können Hochregale platziert werden.

Keine Identitätskrise

Die Fassade besteht aus herkömmlichen Holzplatten. Sie folgen dem Prinzip der Stülpschalung. Durch die vertikale Anordnung entsteht eine Überlappung, der Luftspalt dient der natürlichen Durchlüftung der Lagerhalle. Fischer Architekten hat bewusst auf einfache Bauprinzipien gesetzt, sie haben im Dorf lange Tradition. Ein neues Gebäude soll schließlich kein Bruch mit der eigenen Identität sein. Sondern eine Fortsetzung.

Eine logische Fortsetzung der Überlappung findet sich auf dem Dach. Über die gesamte Fläche ist eine Photovoltaikanlage installiert. So wird die Dachfläche zu einer fünften Fassade. Durch den gefächerten Ausdruck haben Dach und Fassade eine optische Ähnlichkeit.Die Architekten spielen hier mit ästhetischen Konventionen. Wer das Gebäude an der Längsseite mit seiner horizontal verlaufenden Holzverschalung betrachtet, kann den Bezug zu einem Schuppen oder einer Scheune nur erahnen. Er ergibt sich erst beim Betrachten der differenzierten Stirnfassade und der vertikal verlaufenden Holzverschalung.

Der Spagat zwischen Innovation und Stiltreue zeigt sich vor allem bei den Materialien. Im Wesentlichen hat sich das Projektteam auf drei Materialien beschränkt: Beton, Holz und verzinkte Metallteile. Letztere sorgen für die optische Harmonie zwischen dem neuen Lagerhaus und den rauen Gebäuden im Gewerbepark. Sie wurden roh belassen. Im Laufe der Zeit werden sie für eine natürliche Patina sorgen. Die Geschichte des Hauses bleibt somit bewahrt. In seinem eigenen Erscheinungsbild.

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Foto: Andrea Diglas

Die Kunst der Anspielung

Zusätzlich sorgen Referenzen an die Umgebung für eine logische Optik. Auf einer Seite der Lagerhalle befindet sich der Anlieferungsbereich. Er wird von einem aufgehängten Metallvordach überdeckt. Auf der anderen Seite befindet sich der Infrastrukturbereich mit Sitzungszimmern, Büros und einem Aufenthaltsraum. Diese sind mit geschosshohen Lochfenstern und durchlaufenden prägnanten Metallprofilen ausgestattet, eine Anlehnung an das Metallvordach. Schiebeläden mit beweglichen vertikalen Holzlamellen dienen als Sonnen- und Verdunkelungsschutz. Die gewählten Materialien entsprechen den bestehenden Bauten und erzeugen eine spannungsvolle Atmosphäre.

Es sind Details und subtile Kleinigkeiten, die eine Lagerhalle im Schweizer Hausen zur Besonderheit machen. Das Projekt zeigt: Tradition und Moderne können einander die Hand geben. Und zwar im Einklang mit der Umwelt. Mit diesem Beweis muss die Lagerhalle nicht außergewöhnlich wirken, um Bedeutung zu bekommen. Denn große Veränderungen brauchen kein Aufsehen.

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Daten & Fakten

  • Architektur: Fischer Architekten AG, Zürich
  • Auftraggeber*in: Hortima AG, Hausen
  • Planungsbeginn: Oktober 2018
  • Fertigstellung: Juni 2020
  • Errichtungskosten: CHF 4.5 Mio.
  • Haustechnikkonzept: Luft-Wasser-Wärmepumpe betrieben durch Solarstrom Gesamtes bestehendes Areal wird über die PV Anlage mit Strom versorgt Natürliche Klimatisierung durch Querlüftung der Lagerhalle
  • Statisches Konzept: Tragwerk Halle: Dreigelenkrahmen aus Brettschichtholz-Kerto; Verbundquerschnitten; Tragwerk Büroteil: Wände Holzrahmenbau, Decken Brettschichtholz
  • Material-Konzept: Beton, Holz, verzinkte Metallteile
  • Wärmeschutz: Halle nicht gedämmt, Büroteil gedämmt
  • Innenwände: Grobspanplatten (OSB Platten) auf Holzrahmenbau
  • Außenwände: Sperrholzplatten Douglasie, Fassadenkonstruktion auf Dreigelenkrahmen
  • Fenster: Holz-Metallfenster
  • Photovoltaik-Dachanlage zur solaren Energiegewinnung für den Neubau plus gesamtes bestehendes Areal
  • Lüftungstechnik: Natürlich Belüftet
  • Qualitäten der wirtschaftlichen Nachhaltigkeit: Nachwachsende Rohstoffe, Vorfabrikation, materialsparende Konstruktion und Ausbau, Betrieb CO2 neutral, natürliche Klimatisierung, Eigenenergiegewinnung

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