Organischer, schlanker, auskragender – so lauten nur einige der Steigerungen, die die Stiegen der Zukunft erklimmen wollen. Auf der Suche nach den Innovationen der letzten Jahre stößt man vor allem auf internationale Büros, deren Entwicklungen ganz unterschiedliche Ansätze und Ziele verfolgen. Von Laura Hannappel
Außen Fußball, innen Holzwerkstoffe im Ausstellungsbereich. Foto: DFM/Roesner


Immer einen Schritt voraus. Mit ihrem räumlich-skulpturalen Potential unterscheiden sich Stiegen von den übrigen Bauteilen und so wundert es nicht, dass sich Designer und Architekten hier immer wieder aufs Neue übertreffen.  Die Recherchen führen einen quer durch die Materialpalette, wobei derzeit vor allem Beton von sich reden macht. Aber auch Stahl und Lochblech bis hin zu selbst entwickelten Material- und Konstruktions-Hybriden verhelfen zum futuristischen Äußeren.

Beton-Helix Das Team um Brandon Clifford und Wes McGee vom amerikanischen Design Studio „Matter Design“ forscht an einer Übersetzung von baugeschichtlichen Produktionsmethoden in eine zeitgenössische, digitale Formensprache mit dem Schwerpunkt „Stein-Architektur“. Ihr letzter großer Wurf ist „Helix“, eine Wendeltreppe aus nicht bewehrtem Beton, die auf der Boston Design Biennale 2013 präsentiert wurde. Die schmale Treppe ist besonders platzsparend und verhältnismäßig leicht. Ziel war es, ein Beton-Objekt zu schaffen, das mit einer dynamischen Formensprache an den vormals flüssigen Zustand des Materials erinnert. Das Konzept schlägt sich in mehrfach gekrümmten Stufen nieder, die sich schnörkelig um eine Mittelachse schwingen und dort fixiert werden. Additiv wickelt sich so die Wendeltreppe Stufe um Stufe aufwärts. Für die Produktion bedeutete diese absolute Sonderanfertigung eine komplexe zweiteilige Negativ-Form aus Holz, die innen mit Gummi ausgekleidet wurde. Die angefüllten Formen wurden durchgerüttelt und zwölf Stunden bedampft. Anschließend wurden die fertigen Stufen nacheinander an einer Gewindestange fixiert, bis sie passgenau aufeinandersaßen – die komplexe Geometrie der Stufen verhindert jegliches Verrutschen. Der Prototyp entstand in Zusammenarbeit mit dem FABLab der Universität Michigan, Simpson Gumpertz & Heger und zahlreichen Unterstützern.
 
Gestapelt Ebenfalls eine Beton-Stiege, aber mit völlig anderem Konzept findet man im Headquarter des Outdoor-Möbel-Herstellers Gandia Blasco im spanischen Valencia. Geradliniges Design und Echtheit der Materialien schaffen hier einen zurückhaltenden, zeitlos modernen Rahmen für die ausgestellten Möbelstücke. Die Architekten des Studios Borja Garcia stellten sich eine Stiege vor, die an aufeinander gestapelte Beton-Quader erinnert. Wie so oft bedarf es bei einfach aussehenden Objekten gefinkelter Details und kniffeliger Unterkonstruktionen – die natürlich unsichtbar bleiben sollen. In diesem Fall verbirgt sich hinter der Wand, entlang derer die Stufen verlaufen, eine massive Unterkonstruktion: Die 100 cm auskragenden, mit Stahl bewehrten Stufen sind um zusätzliche 50 cm tief in einer Stahlkonstruktion in der Wand verankert und werden dort wie Kragarme eingespannt.
 
Auskragend Mit einem ähnlichen Konzept kommt die Stiege in einem Einfamilienhaus im belgischen Brügge daher: Maximale Auskragung und Leichtigkeit sind hier das Credo und tatsächlich kragen diese Stufen mit 1,15 m noch weiter aus – Stahl macht`s möglich. Die ebenfalls mit einer Seite in der Betonwand verankerten Stufen erinnern zwar an Sprungbretter im Schwimmbad, schwingen aber keinen Millimeter!

Durchlöchert Besonders luftig, aber trotzdem nicht zu übersehen ist die „mesh stair“ im so genannten Black House in Melbourne. Andrew Maynard Architects sollten ein kleines Einfamilienhaus umbauen und für den Nachwuchs Platz schaffen, den es eigentlich nicht gab. Die selbst entwickelte Lochblech-Stiege ist derart transparent, dass sie die angrenzenden Räume optisch nicht einengt. Und mit ein paar Magneten wird die Stiege selbst oft zum Spielplatz.

Freiform Inspiriert vom Rückgrat eines Wals entwickelte der Kanadier Andrew Lee Mcconnell seine sogenannte „Vertebrae Staircase“ bis ins Detail – bisher gebaut wurde sie allerdings noch nicht. Diese Wendeltreppe kommt ohne Spindel aus, die Stufen werden vom „Rückgrat“ einseitig entlang der Außenkante gehalten. Eine primäre Tragkonstruktion aus Stahlstangen und Beschlägen wird mit einem stabilisierenden Strukturschaum in die Form eines „Wirbels“ gebracht und mit einem schwarz glänzenden Komposit-Faser-Material überzogen. Mit den heutigen digitalen Produktionsmethoden scheint keine Form mehr undenkbar.

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