„Was wir machen ist Kunst“, sagt der eine. „Die Kunst ist das Holz“, sagt der andere. „Resin Art“ heißt der Trend, an dem sich die Geister scheiden. Zwei Möbelmacher über das Möbelmachen mit Kunstharzen.

Die Individualität des Holzes soll die eigene Individualität im Wohnzimmer sichtbar machen – bei Stammdesign wird ausschließlich Holz eingelassen. Foto: Stammdesign

Sie haben vor einigen Jahren begonnen, das Internet zu fluten: Selbermacher-Videos mit dem Zweikomponenten-Kleber Epoxidharz. Die Anleitungsvideos erklären in mehr oder weniger professioneller Manier, wie in wenigen Schritten der Griechenlandurlaub im Wohnzimmertisch verewigt ist. Unter dem Schlagwort „Resin Art“ findet man vom Kunstharzmöbel bis zum Kettenanhänger Anleitungen in allen Dimensionen.

Marktnische nutzen

„Wir sind über Pinterest und Instagram auf den Trend aufmerksam geworden und wollten am Puls der Zeit arbeiten“, erzählt Benjamin Schobel, Gründer des deutschen Online-Möbelshops Naturnah-Möbel und Marketing-Spezialist des Unternehmens. In der Werkstatt in Leipzig wird seit etwa eineinhalb Jahren die Nische der Epoxidharztische bedient. Die Experten in seinen Werkstätten brachten Monate damit zu, für die großformatigen Möbel das richtige Harz und die richtigen Techniken zu finden. Etwa zwei Anfragen pro Woche bekommt der Betrieb inzwischen, rund vier bis sechs Wochen dauert die Fertigung. Die Kunden kommen mit konkreten Wünschen: Meeresfeeling durch eingelassenen Sand und gefärbtes Harz, persönliche Erinnerungsstücke verewigt im transparenten Kunststoff oder riesige Konferenztische mit halben Olivenbäumen darin. Zumindest ein gewisser Anteil an Holz muss im Möbel vorkommen, wer aber zusätzlich auch die geliebte erste E-Gitarre im Tisch sehen haben will, wird bei Schobel nicht weggeschickt. Bei Naturnah-Möbel versteht man die Kunstharzmöbel als Kunstwerke.

Eigenheiten hervorheben

Ein wenig anders sieht das Raimund Sandhoff von Stammdesign aus Oberösterreich. Er findet, das Holz sei Kunst genug. Bei Stammdesign will man lediglich das Holz versiegeln und sichtbar belassen, man lehnt Aufträge mit eingefassten Objekten oder Farben ab. „Das Kunstwerk ist der Baum“, sagt der Tischler und Holztechnologe, da brauche es keine weiteren, spektakulären Einfassungen mehr. Der Tischlereibetrieb hat sich vor neun Jahren auf die Versiegelung besonderer Hölzer mit Epoxidharz spezialisiert. Der Baum mit seinen natürlichen Ecken und Kanten, Löchern und Einfassungen bekommt bei ihm ein Epoxidharz-Finish. „Wir nutzen das Harz ausschließlich zum Versiegeln der Oberflächen, nicht aber um künstliche Möbel herzustellen. Unsere Linie erlaubt es uns bis zu einem gewissen Punkt mit dem Harz zu gehen, die möchten wir aber aus unserer Unternehmensphilosophie heraus nicht überschreiten“, so der Tischler. Das Kunstharz ist bei ihm Mittel zum Zweck. Einlassungen belässt Sandhoff nur in seinen Tischen, wenn sie der Baum bereits mitbringt.

Raumgestalter vs. Zweckmöbel

Sowohl bei Schobel als auch bei Sandhoff kaufen Kund*innen aus der Gastronomie und Hotellerie, aber auch Firmenkund*innen und Privatpersonen, die in einem Tisch mehr sehen als „ein Hilfsmittel, um das Müsli nicht auf dem Schoß essen zu müssen“, wie es Sandhoff ausdrückt. Die Preise beider Hersteller sprechen keine Privatkund*innen an, die sich nur schnell ein Möbel-Accessoire ins Wohnzimmer stellen wollen, besonders im niederen Preissegment sind Kunstharzmöbel eine Freizeitbeschäftigung für Heimwerker*innen. „Das sehen wir in der Performance unseres Webshops: Tausende Klicks, aber nur wenige Anfragen. Viele Leute wollen sich nur informieren“, meint er. Von kunstvoll-kitschig bis natürlich-ästhetisch reicht die Bandbreite der instagrammablen Möbelstücke. Mit Kunstharz kann man machen, was einem einfällt, die Gestaltungsmöglichkeiten sind nicht enden wollend. Wo zwischen Kunst und Kitsch die Grenze gezogen wird, darf dabei jeder selbst entscheiden.

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